Anders sehen lernen in Psychotherapie und Fotografie

Psychotherapie

In der psychotherapeutischen Arbeit mit einem Klienten geht es darum, das jeweils für die Behebung der Störung Bedeutsame zu erkennen, es herauszuarbeiten und unmittelbar greifbar zur Wahrnehmung zu bringen. Dazu muss man in der Regel anders sehen lernen.

Dabei ist der Psychotherapeut nicht frei, seine eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen einfach für bedeutsam zu erklären. Er muss erkennen, was für den Leidensweg des einzelnen Patienten bedeutsam ist. Und er muss dies im therapeutischen Prozess sichtbar und erlebbar machen.

Allerdings wird kaum ein Klient alleine dadurch gesünder, dass der Therapeut etwas erkannt hat. Er selbst muss erleben und spüren, dass das Erkannte tatsächlich für ihn bedeutsam ist. Erst die gemeinsame Einsicht und das Wiedererleben bedeutsamer Dinge unter verändertem Blickwinkel verhilft einen psychotherapeutischen Behandlungsprozess zu einem heilsamen Verlauf.

Das Herstellen eines gemeinsamen Blickwinkels, das gemeinsame Fokussieren auf die bedeutsamen Dinge und deren gemeinsame Herausarbeitung und Wiederbelebung, auch unter Umgehung oder Entschärfung von Widerständen, ist deshalb nach der Diagnostik die eigentliche psychotherapeutische Arbeit und Kunst.

Fotografie

Ähnlich wie in der Psychotherapie geht es in der Fotografie darum, aus der Fülle des Sicht- und Erfahrbaren das jeweils Bedeutsame zu erkennen, es herauszuarbeiten, zu vergrössern und begreifbar zu machen.

Anders als in der Psychotherapie stellt dieser Akt des Erkennens und Herausarbeitens jedoch in der Regel bereits das Endprodukt dar. Das fertige Bild ist Zweck, Ziel und Ende des schöpferischen Prozesses.

Ähnlich wie die Psychotherapie ist auch die Fotografie häufig ein diagnostischer Akt. Die Entwicklung eines eigenen fotografischen Stils ist meist gleich bedeutend mit „Anders-sehen-lernen“.

Als Fotograf bin ich aber völlig frei, Dinge nach eigenem Gutdünken als bedeutsam zu empfinden und dies in einem Bild zum Ausdruck zu bringen. Anders als in der Psychotherapie geht es in dem schöpferischen Prozess der Fotografie (und Bildbearbeitung) um meine eigene subjektive Wahrnehmung, meine eigenen Vorlieben, Wünsche, Projektionen. Ich kann mich den Sujets widmen, die ich persönlich spannend finde, kann meine Auftragsarbeiten darauf abstimmen und könnte mich anderen Erkenntnissen sogar verweigern.

Auch in der Fotografie hat Anders-sehen-lernen (Beim Fotografieren und beim Betrachten!) Rückwirkungen nach innen. Diese können auch therapeutisch sein, sind dann aber ein Nebenprodukt und nicht erklärtes Ziel. Niemand muss meine Bilder mögen oder verstehen lernen. Jeder ist frei, sein Urteil abzugeben. Anders als „psychotherapeutische Bilder“, die während eines diagnostischen Prozesses einer Psychotherapie gefunden werden und therapeutisch wirken, sagen meine „fotografischen Bilder“ zuallererst etwas über mich selber aus.

Bei aller künstlerischer Freiheit kann Fotografie doch nur dann erfolgreich sein, wenn das Abgebildete eine Resonanz im Betrachter findet. Wie bei der Psychotherapie hängen also Erfolg und Misserfolg der Fotografie davon ab, ob es gelingt, einen gemeinsamen Blickwinkel  und Interessenfokus zu finden und herzustellen.

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